Land-Art-Festival in Ort und Zeit verschoben

Die Künstler sind bereit, die Mauerwiese mit zu gestalten. Ab nächstes Wochenende beginnt die Gestaltungsphase der KünstlerInnen Annegret Droste, Christina Kopka, Lars Kempel, Gerwin von Monkiewitsch und Nicole Jänes. Die Eröffnung auf der Mauerwiese wird am Wochenende 11. oder 12. Juli sein, nachdem die Stadt die Kulturaktion „Plan B-Sommer“ eröffnet hat. Nach den langen Monaten der Corona-Pandemie und „Kultur-Shut down“ soll damit unter Pandemie-Bedingungen die Kultur in der Stadt Schlüchtern wieder eröffnet werden. Wir freuen uns, dabei sein zu dürfen und haben daher ausnahmsweise den Ort unseres Wirkens von Hutten in die Innenstadt verlegt.

v.l. Lars Kempel, Christina Kopka, Gerwin von Monkiewitsch, Annegret Droste, Nicole Jänes (nicht anwesend)

TANZTHEATER „1000 Nächte und noch eine…“ verlangen dem Publikum das Selberdenken ab

img_L2ZtLzgxOS90aHVtYm5haWxzL0NPTl81Mjg2NzU2NjVfTS5qcGcuMjk5OTI4MzcuanBn_L2ZtLzgxOS90aHVtYm5haWxzL0NPTl81Mjg2NzU2NjVfTS5qcGcuMjk5OTI4MzkuanBn (1)GELNHAUSEN – (jkm). Auf Erklärungen und Erläuterungen „haben wir mit Absicht verzichtet“, sagt Harry Wenz. Es ist gerade Pause beim Stück „1000 Nächte und noch eine…“ in der Meerholzer Sport- und Kulturhalle. Ein Stück, das die Zuschauer mit starken Bildern zurücklässt, keine Zeit, jene zu analysieren im schnellen Wechsel zwischen Sex, Freude und Hinrichtung…

Witterungsbedingt gingen an diesem Abend nicht im Innenhof des Schloss Meerholz die Bühnenlichter an, sondern in der Meerholzer Sport- und Kulturhalle. Grundlage des Stückes und der letztendlichen Verschmelzung von Musik und Tanz war der Kontakt zwischen Komponist Wenz und Choreografin Monica Opsahl. Wenz ist im Main-Kinzig-Kreis durch zahlreiche Musikprojekte jüngst auch in „integrativer Form“ bekannt, sitzt zudem im Komitee für die Vergabe des Kulturpreises im heimischen Landkreis. Vergangenes Jahr war es auch Opsahl, die für ihre Leistung im tänzerischen Bereich und für ihre Tanzformation „Artodance“ den Preis entgegennehmen konnte.

„Ich habe mir sofort gedacht: Ich muss mit ihr ein gemeinsames Projekt auf die Beine stellen“, berichtet Wenz. Jetzt einige Monate später wurde dieses gemeinsame Projekt Realität, „1000 Nächte und noch eine…“ folgt den choreografierten musikalischen Nachtgedanken von Opsahl und Wenz und wird durch die Lichteffekte von Oliver Amm wirksam in Szene gesetzt.

Eröffnungsszene: Aufgereiht stehen einige Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, jeder hat nur ein Wort: Sexualität, Hoffnung, Angst – ein kurzer Vorgeschmack der Gefühlslagen und Emotionen, die auf die Zuschauer warten. Das letzte gesprochene Wort, bis ein „Pause!“ von Wenz rund 40 Minuten später die Zuschauer aus ihrem Bann reißt. Dazwischen „trifft der Orient auf den Okzident“. Es ist ein Reigen starker Szenen, die oft für sich allein zu betrachten sind, aber auch im Gesamtkontext funktionieren. Opsahl scheute sich nicht, Sexualität auf die Bühne zu bringen. Sei es durch knappe Kostüme, zwei fast nackte Darsteller, die eng umschlungen einen innigen Tanz auf der Bühne aufführen oder sexuelle Andeutungen zwischen Frauen in roten Abendkleidern und schwarz gekleideten Herren. Hier ist es aber nicht nur der Sex in seinem freudvollen Sinne, nein, auch die Schattenseiten wie etwa der Missbrauch werden hier angedeutet. So kann es auch sein, dass auf einen innigen Tanz ein vermummter mit einem Bombengürtel die Szenerie „sprengt“ oder mit angedeuteten Handfeuerwaffen eine Gruppe Frauen symbolisch hingerichtet wird. Die Anschläge von Paris, der radikale Islamismus, immer wieder werden soeben erzeugte Emotionen und Bühnenbilder bewusst durch starke thematische Sprünge geschnitten.

Auch junge Tänzer mit Spielzeugwaffen machen auf die Problematik der Kindersoldaten aufmerksam. Untermalt werden die Szenen von Wenz‘ eigens komponierter Musik, die es schafft, den Zuschauer gefühlsmäßig zu leiten, ob er es möchte oder nicht. Elektronische Klänge, etwas Hip-Hop oder orientalische Töne – Wenz beweist hier seine musikalische Bandbreite. „Ablehnung, Anziehung oder geheime Fantasien werden hier in starke Widersprüche gesetzt“, so der Musiker und Co-Regisseur. Im zweiten Teil wird vom Orient in die heimischen Gefilde gesprungen. Ein normaler Morgen, das schrappende Geräusch des Zähneputzens ist zu hören. Eine Nachrichtensprecherin berichtet von Problemen zwischen der EU und der Türkei: „Wir wollten hier sehr klischeehaft geltende Vorurteile im Umgang mit Flüchtlingen zeigen“, erläutert der Künstler. So gehe es auch um die Angst vieler Menschen, „dass hier plötzlich überall Bomben fliegen.“ Auch das geschlechterspezifische Denken der Muslime greifen die beiden Künstler auf und setzen es in Relation zum „Rotlichtbereich“: „So groß ist hier der Unterschied nicht zwischen dem, was einige bemängeln, aber selbst praktizieren.“

Wer sich auf einen heiteren Theaterabend gefreut hatte, der wurde nicht bedient. Er hatte aber die Möglichkeit, sich trotzdem unterhalten zu fühlen, nur auf eine andere Weise. Denn fehlende Erklärungen, schnelle Sprünge und die oft ungeschönt dargestellten Szenen verlagerten die Aussprache und die eigenen Gedanken über das Gesehene automatisch aus der Aufführung hinaus und begleiteten die Zuschauer nach Hause. Das Zusammenspiel der beeindruckenden Choreografien Opsahls mit der musikalischen Gestaltung von Wenz, das Zusammengehen von Klassik und Elektronik, die lichttechnische Ausleuchtung von Amm, alles zusammen war vor allem etwas Anderes, etwas Neues. Eben jenes Konzept fügte sich ein in die Meerholzer Kulturtage, die nicht nur kurzweilige Kunst zeigen wollen und immer wieder beweisen, dass jeder Kunst anders interpretiert und eben jene Stücke doch die gelungensten sind, für die jeder eine andere Erklärung findet.

aus dem Gelnhäuser Tagblatt vom 3.6.2016